DAS INNERE LAND
DAS INNERE LAND
Der Begriff " Nahtod-Erfahrung" wurde von dem amerikanischen Arzt und Psychiater Raymond Moody im Jahr 1975 geprägt. Bei seiner Arbeit in einer Klinik war er auf mehrere Fallberichte gestoßen, die er zunächst für Ausnahmeerscheinungen gehalten hatte, bis er immer mehr Menschen traf, die Ähnliches berichteten. Sein berühmtes Buch "Life after Life" (Titel der deutschen Ausgabe: "Leben nach dem Tod") war der Beginn der wissenschaftlichen Nahtod-Forschung. Bereits damals legte er sein Modell des "klassischen" Erlebnisses vor. Dieses Modell, an dem sich die Forschung bis heute orientiert, fasst alle von den Zeugen geschilderten Elemente zu einer "vollständigen" Reise zusammen. Nur selten sind die Berichte derart umfassend; meist kommen nur einzelne Elemente vor. Manche Kritiker der Nahtodforschung halten den kompletten Ablauf deshalb für ein theoretisches Konstrukt. Tatsächlich aber werden von einzelnen Menschen auch "vollständige" Sequenzen berichtet.
Neuere Studien versuchen, von der Sammlung zufälliger Berichte wegzukommen. Soziologen der Universität Konstanz untersuchten 1999 eine repräsentative Zahl von Bürgern in Deutschland und kamen zu dem Ergebnis, dass etwa 3 Millionen Menschen von NDE‘s berichten. Visionen am Rande des Todes sind also sehr häufig. Und es ist denkbar, dass noch viel mehr Menschen ähnliche Erlebnisse hatten, die Bilder aber vergessen bzw. verdrängt haben. Möglicherweise steht jedem am Ende des Lebens ein NDE bevor- sicher aber einer nennenswerten Zahl von Menschen.

In der Konstanzer Studie wird das klassische Muster kritisch betrachtet. Die Soziologen fanden eine breitere Varianz und mehr traumähnliche Erlebnisse. Kritiker der Studie ( wie Michael Schröter-Kunhardt) deuten diese Befunde als Fehlinterpretation. Tatsächlich treten vor dem NDE häufig traumähnliche Elemente auf (sog. oneiroide Träume), die auch erschreckend sein können. Diese Bilder gehen dann aber in die bekannte Sequenz über. Lässt man die "Oneiroide" in der Konstanzer Studie weg, nähern sich die Daten wieder dem von Moody entwickelten "klassischen" Modell.
Die Frage, ob das Nahtoderlebnis nicht überwiegend als besondere Form des Traumes gedeutet werden kann, beschäftigt viele Forscher. Dabei vergleichen sie die Schilderungen der Zeugen mit Berichten von Menschen aus aller Welt, die über extrem klare, realistische Träume berichten. Diese sogenannten Klarträume oder luziden Träume zeichnen sich dadurch aus, dass der Schlafende in einem Traum plötzlich Ungereimtheiten feststellt und schließlich zu der Erkenntnis kommt, dass er träumt. Während die meisten Menschen in einer solchen Situation aufwachen ( z.B. aus einem Albtraum), gelingt es einigen wenigen, im Traum zu bleiben In diesem Moment verwandelt sich die Szenerie in eine als unglaublich klar, farbig und dreidimensional geschilderte Bilderwelt. Klarträume sind aber insgesamt subjektiv und haben wenig vergleichbare Bildfolgen. Sie sind ebenso verwirrend und unlogisch wie normale Träume. Im Gegensatz dazu folgen die Nahtoderlebnisse einem bei aller Subjektivität und kulturellen Ausgestaltung doch erkennbar gemeinsamen Muster. Und der Mensch am Rande des Todes ist sich stets sicher, dass er nicht träumt – er kann seinen Zustand ebenso klar von einem Traum unterscheiden wie der luzide Träumer seinen besonderen Zustand von der Realität.

Sicher ist, dass nicht alle Menschen, die von Nahtod-Erlebnissen berichten, wirklich objektiv an der Schwelle des Todes standen. Die subjektive Gewissheit zu sterben scheint als Auslöser der Bildfolge zu genügen. Immer wieder berichten zum Beispiel Unfallopfer, dass sie bereits während des Unfallablaufes Bildsequenzen erlebten – etwa einen ausführlichen Lebensrückblick. Zu diesem Zeitpunkt lagen aber noch keinerlei Verletzungen vor. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, nicht zu überleben. Der berühmteste Bericht dieser Kategorie stammt von dem Schweizer Bergsteiger Prof. Albert Heim. Er schildert im Jahr 1892 seinen Absturz am Säntis. Heim schreibt: "Ich fuhr auf dem Rücken...nach unten über den Fels und flog schließlich noch 20 Meter frei durch die Luft...Was ich in den 5-10 Sekunden gedacht habe, lässt sich in zehnmal mehr Minuten nicht erzählen. Alle...Vorstellungen waren zusammenhängend und sehr klar, keinesfalls traumhaft verwischt...Dann sah ich, wie auf einer Bühne aus einiger Entfernung, mein ganzes vergangenes Leben in zahlreichen Bildern sich abspielen. Ich sah mich selbst als die spielende Hauptperson. Alles war wie verklärt von einem himmlischen Lichte und alles war schön und ohne Schmerz, ohne Angst...Erhabene und versöhnende Gedanken beherrschten und verbanden die Einzelbilder, und eine göttliche Ruhe zog wie herrliche Musik durch meine Seele. Dann hörte ich ein dumpfes Aufschlagen, und mein Sturz war zu Ende."

Berichte wie die von Albert Heim belegen, dass zumindest einzelne Elemente bereits durch subjektive Todesnähe ausgelöst werden können. Ob ein tiefergehendes Erlebnis –etwa der Flug in jenseitige Landschaften und das Treffen mit Verstorbenen und dem Licht– eine objektive, physiologische Todesnähe notwendig machen, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich.
Wo bleibt bei all diesen angenehmen Berichten die Vision der Hölle? Tatsächlich existieren Berichte von Schwerkranken, die sich in Landschaften mit höllischen Elementen wiederfanden, oder in leeren Räumen, die völlige Sinnlosigkeit spiegelten. Es könnte sein, dass mehr Menschen solche Erlebnisse hatten, als es die vorliegenden Aussagen vermuten lassen – vielleicht werden negative Erfahrungen eher verdrängt oder bewusst nicht erzählt. Einzelne Berichte machen aber auch deutlich, dass es auf die subjektive Wahrnehmung ankommt. So berichtete eine Patientin bei den Recherchen für diesen Film, dass sie in ihrem Nahtod-Erlebnis zunächst in ein schwarzes Loch fiel. Sie habe geglaubt, dass dieser Sturz so in alle Ewigkeit weitergehen würde. Eigentlich eine Horrorvision mit höllischen Zügen- aber die Patientin empfand den Sturz ins Nichts als durchaus angenehm. Und je mehr sie sich darauf einließ, umso positiver wurde das Erlebnis – bis schließlich das Licht auftauchte und eine farbige, jenseitige Landschaft. Möglich, dass die negativen Erfahrungen von Mensch zu Mensch variieren (wie die Dauer des "Fegefeuers" in der christlichen Überlieferung). Möglich auch, dass diese Bilder verdrängte Ängste der Seele spiegeln (so vermuten das die tibetischen Buddhisten, wenn sie vom "Erscheinen der zornigen Gottheiten" als Projektion des Sterbenden sprechen). Vielleicht sind ja auch die positiven Bilder nur eine Projektion des eigenen Seelenzustandes- und erst nach dem Flug ins Licht beginnt die eigentliche Welt jenseits der Psyche. All dies sind philosophische und religiöse Fragen, über die wir nur spekulieren können.
Die Todesnähe-Forschung hat in jedem Fall Konsequenzen für den Umgang mit Sterbenden. Auch tiefes Koma garantiert nicht, dass der Schwerkranke ohne Bewusstsein ist. Sein Bewusstsein könnte durchaus im Raum anwesend sein, so wie im Fall der Amerikanerin Pam Reynolds im Operationssaal. Ähnliche Schilderungen von vergleichbaren "außerkörperlichen Erlebnissen" gibt es in so vielen Fällen, dass die Möglichkeit zumindest nicht ausgeschlossen werden kann.

Dies bedeutet für die Angehörigen ebenso wie für das Pflegepersonal eine Grundhaltung von Ernsthaftigkeit und Empathie. Der Schwerkranke oder Sterbende ist noch präsent– und wir sollten ihm helfen, in die Bilderwelt seiner Seele zu gehen. Starke Beruhigungsmittel auf der einen oder die Verweigerung einer wirkungsvollen Schmerztherapie (etwa mit Morphinen) auf der anderen Seite könnten diesen Kontakt mit den jenseitigen Landschaften erschweren. Eine ruhige, freundliche und den Abschied ermöglichende Atmosphäre könnte der richtige Weg sein, um negative Erfahrungen des Sterbenden zu verhindern.

Die Realität der Nahtoderfahrungen könnte auch den Zurückbleibenden den Abschied erleichtern. Auch wenn es natürlich denkbar ist, dass die Bilder irgendwann "im Licht des Jenseits" verlöschen, tröstet doch der Gedanke, dass äußerlich sichtbares Leiden und dramatischer Verfall häufig subjektiv Bildern des Aufstiegs in eine Sphäre der Schönheit und der Liebe entsprechen. Die Berichte der Zeugen lassen aber auch vor dem Hintergrund der materialistischen Wissenschaft durchaus den Glauben zu, dass es "irgendwo" weitergehen könnte.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Joachim Faulstich